Nachfolgend zu sehen ist eine reduzierte Auswahl der eigens geschriebenen Texte von Tobias Würth.
Verwendung nur auf Anfrage.

Index:
#1#2#3#4#5#6#7#8#9

#1

… Seit Ewigkeiten taste ich mich durch die andauernde Nacht. Mein Körper ist schwach, der Verstand verrückt, die Sinne geschwärzt und die Seele erloschen. Das einzige und seltener werdende Licht strahlt aus weiter Ferne — vereinzelte Lichtblitze im andauernden Gewitter oder der Mond, welcher phasenweise das Tief erhellt und Schatten wirft —, bevor wieder alles in absolute Dunkelheit taucht. Der Nebel legt seinen Schleier über das Land, dringt in jede Ritze und durch jedes Loch. Die Erde ist feucht und das Holz morsch, Flora und Fauna verkümmert, die Luft mufft und das Ödland weitet sich aus. Die letzte Wärme und Restenergie schwindet und verflüchtigt sich, Strukturen und Überbleibsel der Vergangenheit zerbrechen und verfallen zu Staub, die Seen und Flüsse erstarren in der beissenden Kälte und so langsam kommt alles zum Stillstand. Der Puls der Zeit wird schwächer, der Wind verstummt, die Sandkörner sind gesackt und regungslos, die Blätter der Bäume gefallen und verrottet, die letzten Zeugen verstorben und das Rad des Lebens zum Halt gebracht. Gott ist tot, die Welt verloren, das Ende nah. …

#2

… Da liege ich also: an einem Punkt, an dem ich nie landen wollte – das Ende einer Linie. Die Sterne standen schon länger schlecht, schliesslich haben sie ihren Halt gänzlich verloren, sind abgestürzt und verglüht. Orientierungslos rotiere ich nun, blind und einsam im Nirgendwo. Weit und breit ist nichts, woran ich mich festhalten, aufrichten und hochziehen könnte. Wie meine erschöpften Glieder bezeugen, gibt es keinen Ausweg aus diesem Labyrinth, denn alle Wege führen hierher. Der Entscheid zur letzten Rast ist gefallen. Der Treibsand unter mir entfaltet seine Wirkung, die zähe Masse klebt und zerrt, die Finger der Unterwelt erlangten die Oberhand und bemächtigen sich meiner Hülle. Der Geist hat sich weit ins Innere zurückgezogen. Auf Irrwegen durch das Unterbewusstsein versucht die Seele einen Rückzugsort des Friedens zu finden – leider vergebens. Sie wird gejagt und verfolgt von düsteren Gestalten und Schatten der Vergangenheit. So ergibt sie sich endlich und lässt sämtliche Resthoffnung los. Körper und Geist erliegen endgültig – Ruhe kehrt inne. Das Licht in den Augen ist erloschen, die Muskeln haben aufgehört zu zucken und der Atem bleibt stehen. So kommt dieser Zyklus zu seinem Ende. …

#3

Nach langem Niederfall glitzern nun die Tropfen der Nacht in den warmen Strahlen der aufgehenden Sonne. Die Zeit floss und heute erstrahlt die Welt einmal mehr in altbekanntem Charme. Die Vögel zwitschern die Melodien des Neuanfangs, der Vergebung und des Wiederaufbaus. Erneut nimmt der Zyklus seinen Lauf. Die Fragmente der Vergangenheit fügen sich im Rad der Schöpfung zum Puls des Lebens. Die Zeit ist reif für fruchtbarere Tage. So schmilzt das Eis und der Winterschlaf findet sanft zu seinem Ende. Die Farben des Frühlings hüllen die Scherben und Narben in einen Schleier der Geborgenheit. Die Beine sind regeneriert, das Herz lacht und die Lungen erfreuen sich der frischen Luft. Die Schmetterlinge tanzen, die Hummel summt und die Knospen entfalten ihre Blüten. Frisch, hoffnungsvoll und lebendig erwacht alles in vertrauter Ordnung. Dass die Realität einst düster war, wirkt heute wie ein verblasster Traum. Das Licht am Ende des Tunnels erstreckt sich derweilen über den gesamten Horizont. Ohne Nebel sind auch die Wege wieder erkennbar — und tatsächlich: Es geht vorwärts. Was bleibt, sind Erkenntnisse und Erfahrungen, welche die Wurzeln tief greifen und den Baum stark wachsen lassen — grösser und kräftiger als je zuvor. Bis irgendwann der Herbst anklopft und die Blätter auf ein Neues zu fallen beginnen. Aber nicht heute — jetzt wird der Sommer mit offenen Armen in Empfang genommen. Indem der Prozess allem seine Zeit gibt, verdient er sein Vertrauen. Wir dürfen den Wandel erwarten, denn er wird mit Sicherheit kommen.

#4

Die Jagd ist zu Ende und im Kampf herrscht Waffenstillstand: Das Mündungsfeuer ist erloschen, der Feuerschutz wurde überflüssig, die Fronten sind erweicht und die Fahnen gehisst. Das positive Urvertrauen macht sich zeitweise bemerkbar und offenbart eine friedliche, sichere und attraktive Aussicht. Die Wunden rücken in den Hintergrund, Zeit vergeht und Heilung scheint möglich. Mit bezaubernden Augen und gespaltener Zunge entsendet Mutter Erde ihr Kind in die Nähe. Gutmütig, liebevoll und herzlich wird es in Empfang genommen. Speis und Trank, Dach und Bett, Liebe und Geborgenheit – ihretwillen wird ihr alles willentlich und beanstandungslos zu Füssen gelegt. Anfänglich werden die Bezirzungen leidenschaftlich erwidert, doch der Blick hinter die Front bleibt verwehrt. Mit trügerischer Manier und trojanischer List bemächtigt sie sich dem Vertrauen, dringt bis in Herzensmitte vor und öffnet die Ventile ihres Einflusses. Das Netz ist gesponnen und ihre Opfer verwickelt. Schliesslich lüftet sie ihren Schleier und das Grauen nimmt seinen Lauf. Statt den Frieden und die Haltung zu wahren, stürzt sie die Welt ins Chaos. Die Wege haben sich gekreuzt und dann verknotet. Die Zukunft hängt erneut am seidenen Faden, Karma lässt die Chance im Stich und der Freund wird zum Feind. Wieso?

#5

Aus dem Nest gestossen, vom Leben geprägt und betrogen, flattere ich durch Täler und über Berge – stetig vorwärts der Sonne entgegen. Anstrengend und einsam ist der Flug in diesen Höhen. Nach langer Reise und mancher Nacht bedarf ich Rast, Sicherheit, Wärme und einem Zuhause. So sinke ich in die Gesellschaft zur Suche. Eine Hälfte wird gefunden, verführt und gebunden. Beflügelt schwingen wir uns empor. Dem Gipfel nahe schaffen wir uns Perspektiven. Oh Glück! Oh Schande… Sie entpuppt sich als zu einfach, zu perfekt, zu widersprüchlich. Die Waage kippt, das einst solide Fundament wird brüchig, die Balken biegen sich und der Haussegen hängt tief. Liquidation oder Dauerrenovierung? Ich trauere um den Verlust und bereue diese schlechte Investition. Der Preis wurde wohl fällig, weil ich erneut die Bauchverstimmungen ignoriert habe – das hat Spuren hinterlassen. Der Schein ist verschwunden, die Fassade bröckelt und eine andere Art nimmt ihren Platz ein. Der Ast bricht unter der Last und wir stürzen in die Leere – jeder für sich. Glücklicherweise kann ich mich auf meine Flügel verlassen, stabilisiere mich schnell, finde Halt, fliege auf und davon. Währenddessen zerschellt hinter mir ein Teil meines Herzens auf dem Grund. Erneut endet eine Konstante und Obsession. Ihr Tröten verstummt – sie war nie zum Fliegen bestimmt. Schade. Hat sie zu viel manipuliert oder ich zu wenig offenbart? Also weine ich eine Träne und lasse mich vom Wind ins Tal treiben, um den Zyklus von vorne zu beginnen.

#6

Interessiert befragen Sie mich zur Problematik, also öffne ich meine Seele und antworte aufrichtig. Mit aufgewärmten Stimmbändern und lebhafter Intonation artikuliere ich meine Gedanken in einer für sie verständlichen Sprache. Mit inhaltsgerechter Mimik und Gestik versuche ich dem Relevanten noch mehr Ausdruck zu verleihen. Wie gebannt hängen sie mir an den Lippen, während ich sie am roten Faden durch die Thematik zur Pointe führe. Zustimmend nicken einige, als ob sie das Gesagte verstanden hätten. Andere sind sichtlich erstaunt oder schockiert, manche verschränken ihre Arme und machen sich klein, während gewisse völlig erstarrt und apathisch in die Leere blicken, als ob meine Worte ihr Lebenselixier geraubt hätte. Nach kurzer Pause meldet sich schliesslich jemand zu Wort. «Ich höre, was du sagst», «Ich sehe, was du meinst» oder «Ich fühle mit dir» sind Satzfragmente, welche gerne als Einleitungen genutzt werden, bevor dann meist eine irrelevante Meinung folgt. Dass das Gegenüber unzulängliches Wissen und keine Erfahrung in besagter Domäne vorweist, wird auf unterschiedlichen Ebenen offensichtlich. Unbrauchbare Ratschläge und unnütze Anekdoten sind dabei noch das kleinste Übel. Wesentlich schlimmer ist trotz unmissverständlicher Formulierung unverständlicherweise missverstanden zu werden. Da stellt sich die Frage: Sind ihre Verstände zu klein oder meiner zu gross?

#7

Ich bin da und doch so fern. – wer bin ich? Bin ich gerade am Tippen? Am Überlegen? Ich, das Ding auf dem Sofa? Der Zeuge meiner Realität? – Ich, die Symbiose von Körper und Geist, die Seele meines Leibes, Teil der Schöpfung und Passagier der Macht. Ich bestehe aus unterschiedlichen Facetten, unterschiedlichen Ichs. Bin ich morgen noch derselbe, wie heute? Manchmal übernimmt der Autopilot – also Ich – das Steuer. Später reflektiere ich das Geschehene und frage mich, wie ich dieses oder jenes sagen oder tun konnte. Ich bin von mir selbst immer wieder überrascht. Wenn ich von mir spreche, dann meine ich uns. Kennen wir uns? Denke oder handle ich? Ich bin die Konstante, die uns verbindet, der Wächter des Lichts, Richter und Henker, Opfer und Täter. Ich lebe und leide, liebe und hasse, erschaffe und zerstöre. Ich bin Tag und Nacht, der Schatten und das Licht. Wer ist das auf dem Foto? – das bin ich! Oder … das war ich. Ich verändere mich und ich werde verändert. Mein Umfeld formt mich. Bin ich lediglich eine Reflexion fremder Wahrheiten? Wer bin ich? Zu wem werde ich? Ich bin wir und werde zu uns. Also sorge ich dafür, dass wir für uns sorgen. – also, nochmals, wer bin ich? Jemand? Niemand? Alle? Bin ich in diesem Text? Bin ich die Zukunft? Die Vergangenheit? Bin ich Teil der Gesellschaft? – selbst unter Seinesgleichen finden sich ausschliesslich Individuen. Bin ich also überhaupt jemals wirklich zugehörig? Ich bin, wer ich bin, weil ich war, wer ich war. Wir sind Ich. Ich werde zu uns.

#8

Eigentlich hätte sie mich längst einholen sollen. Meine Schritte verlangsamen sich. Wo bleibt sie? Und wo bin ich überhaupt? Der Pfad ist verschwunden, das Unterholz wird dichter und der Wald dunkler. Die Äste zerkratzen mit ihren spitzen Fingern mein Gesicht. Meine Glieder werden von Schlingen zurückgehalten – trotzdem bewege ich mich vorwärts. Irgendwann werde ich einen Ausgang erreichen müssen –, oder? Ich kämpfe und suche weiter. Die Nacht bricht an und das Geflüster wird lauter. Unverhofft vernehme ich eine bekannte Stimme Hilfe rufen. Ich schlage mich zum Ufer durch und erkenne meine Gefährtin im Sog gefangen. Sie ist alleine und kann sich nur knapp über Wasser halten. Ich bleibe stehen und strecke ihr meine Hand entgegen. Die Blicke kreuzen sich und fixieren einander. Sie schnappt sich meinen Arm und hält daran fest. Ich kann sie stabilisieren, obwohl sie mich beinah um meine Balance bringt. Für einen Moment scheint der Schrecken vorüber zu sein. Plötzlich lässt sie los, als sich ein Stück Schwemmholz zwischen uns Drängt. Sie wird vom Strom mitgerissen und hinfort gezogen. Es gibt noch Hoffnung. Trotzdem breche ich ohnmächtig zusammen. … Als ich wieder zu mir komme, finde ich mich in einem Wald. Ist das ein schlechter Traum? Aufgeschreckt laufe ich los. Irgendetwas kommt mir verdächtig bekannt vor – aber was? Warum bin ich allein? Dann fällt es mir wieder ein: Eigentlich hätte sie mich längst einholen sollen. Meine Schritte verlangsamen sich. Wo bleibt sie? Und wo bin ich überhaupt?

#9

Der Weg offenbart seine Pfade und so schreite ich absichtslos Richtung Zenit. So manches Böses wollte mich beirren, doch meine Rüstung konnte mich bewahren. Verdeckt komme ich so langsam voran, auch wenn die Last des Panzers an mir zehrt. Meine Energie schwindet und die Luft wird dünner. Mein Schatten hat sich derweilen verflüchtigt, so bin ich nun ganz auf mich allein gestellt. Vom Schicksal gedrungen lege ich schliesslich meine Last nieder. Der Preis wurde eingefordert und ich bin bereit zu zahlen, um mich leichtfüssig dem Gipfel nähern zu können, wo sich der Himmel zeigen wird. Was zu gelingen scheint, stellt sich nach kurzer Verschnaufpause als ultimative Probe heraus. Ohne Schild bleibt mir nichts anderes übrig, als die Eindrücke zu absorbieren und abzuwarten, zu wem sie mich formen. Schmerzhaft und anspruchsvoll war der Aufstieg bisher. Der Grad ist schmal: Ein Fehltritt und das war’s. Den Tropfen habe ich gespürt, doch die Wucht der Flut unterschätzt. Und so muss es geschehen: Einmal mehr von der Klippe in die Tiefe geschwemmt, liege ich nun wieder in einem Tal, nackt, mit schwachem Atem und einigen Narben mehr. Was bisher nur auf diesem Wege funktioniert hat, muss nun auch ohne weitergehen. Der Entscheid ist gefallen. So schliesse ich meine Augen und fühle die Schnitte. Sie brennen teuflisch, aber sie werden mich nicht töten, dessen bin ich mir sicher. Ich winde und überwinde mich, vegetiere und krieche dahin… Plötzlich regt sich etwas – es ist mein Schatten! Aber wieso? Er gehört nicht mehr zu mir, dafür sind wir nun zu verschieden. Wenn sich die Geister einmal geschieden haben, verzweigen sich die Wege. Und so versuche ich meiner Erkenntnis treu zu bleiben, meinetwegen. Der Schatten sieht mich, schwach und angeschlagen. Er trägt meine Rüstung und meinen Schild – exakt jene Dinge, denen ich mich entledigt habe. Doch statt mir die Hand zu reichen, offenbart er sein wahres Gesicht und sticht zu. Er will mich quälen und leiden sehen. Vielleicht, weil er in meinem Licht nicht weiter existieren kann. Ruhig und langsam dringt die Klinge in mein Fleisch. Es raubt mir den Atem, das Herz rast und der Schädel pocht. Da spricht der Schatten: «Wie fühlt sich das an? Tut es sehr weh?» … – Wie, wenn Lava durch die Venen pulsiert und mich langsam von innen verbrennt. Doch ich werde nicht sterben, dessen bin ich mir sicher. Fast ohnmächtig setze ich mich nicht zur Wehr. Da stosst er bis zum Anschlag, um die Tat zu besiegeln und distanziert sich von meiner Lache. Ich habe das Richtige getan. Um ihn zu bezwingen, hätte ich wie er werden müssen, dann wäre alles umsonst gewesen. Und so akzeptiere und leide ich bereitwillig, lasse die Klinge stecken und die Wunde bluten, weil ich dem Weg vertraue und er mich stärker machen wird. Auch wenn die Lektionen Höllenqualen bedeuten, bleiben sie doch wertvoll und unlehrbar. Soll er doch mit meiner Rüstung den Aufstieg im Alleingang versuchen und meinen Stapfen folgen – ich weiss bereits, wo der Weg ihn hinführen wird: Hierher, zu mir auf den Boden, zu meiner zukünftigen Vergangenheit. Zeit, um allein nach vorne zu gehen. Eines Tages wird mein Leib das Metall sein Eigen nennen und nie mehr Rüstung benötigen. … Zwar kann ich dann durch kein Flughafengate mehr, doch ich brauche auch keinen Flieger mehr für meine Höhenflüge.